Zu Constance de Salm und ihrer Korrespondenz

Lange Zeit vergessen, seit einigen Jahren wiederentdeckt, war Constance de Salm, geboren in Nantes als Constance Marie de Théis, (1767-1845) zu ihren Lebzeiten eine der erfolgreichsten französischen Schriftstellerinnen. Schon als 18-jährige veröffentlichte sie erste Essays. 1794 gelang ihr der große Durchbruch mit dem Libretto zum Musikdrama »Sapho«. Bis zu ihrem Tod folgten zahlreiche weithin beachtete Gedichte und Lobschriften sowie ein Roman (»Vingt-quatre heures de la vie d’une femme sensible«). In ihren Werken bezog Constance de Salm Stellung zu aktuellen gesellschaftspolitischen Fragen, u. a. der Bildung der Frau und ihrer Rolle in der Gesellschaft. Constance de Salm war außerdem die erste Frau, die in den erlesenen Kreis der Pariser Athénée des arts, eine Künstler- und Gelehrtenvereinigung, aufgenommen wurde.

In ihrem Pariser Salon sammelte Constance de Salm einen illustren Freundeskreis um sich. Wöchentlich trafen sich bei ihr Schriftsteller, Schauspieler, Künstler, Wissenschaftler und Journalisten, um über aktuelle Fragen der Literatur, über Theater und Politik zu diskutieren, Gedichte vorzutragen und Musik zu machen. Mit vielen ihrer Freunde verband Constance de Salm außerdem eine berufliche Beziehung: Der Musiker Martini komponierte u. a. die Musik zu ihrer »Sapho«, der renommierte Verleger Didot publizierte eine ganze Reihe ihrer Werke. Eine bereits während des Premier Empire entstandene Druckgraphik zeigt Constance umgeben von Freunden und Briefpartnern.

Personenkreis

Nach der Scheidung von ihrem ersten Ehemann, dem Arzt Jean-Baptiste Pipelet, mit dem sie eine Tochter, Clémence Agathe (kurz »Clémentine« oder »Minette«, 1790-1820), hatte, heiratete sie im Jahr 1803 den Altgrafen und späteren Fürsten Joseph zu Salm-Reifferscheidt-Dyck. Von nun an verbrachte Constance de Salm eine Hälfte des Jahres auf Schloss Dyck im Rheinland, gelegentlich auch in ihrem Aachener Stadthaus, die andere Hälfte in Paris. Während der folgenden Jahrzehnte und bis zu ihrem Tod stand sie in regem Briefkontakt mit ihren Pariser Freunden und Bekannten.

Durch diese Briefe hielt sie ihr breites Netzwerk aufrecht, pflegte Freundschaften und Kontakte, brachte Publikationsvorhaben auf den Weg und hielt sich über zahlreiche Belange des kulturellen und gesellschaftlichen Lebens in Paris auf dem Laufenden. Wie in einem »virtuellen Salon« (Christiane Coester) führt diese Korrespondenz die im Kreise der Constance de Salm geführten Diskussionen fort und bietet so einzigartige Einblicke in den Pariser Literatur- und Wissenschaftsbetrieb dieser Jahre. Darüber hinaus geben die Briefe Aufschluss über Voraussetzungen und Bedingungen weiblicher Autorenschaft und veranschaulichen Mechanismen von Netzwerken und Transferprozessen zwischen dem Rheinland und Frankreich in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts.



Der Briefbestand und das Erschließungsprojekt des Deutschen Historischen Instituts Paris

Constance de Salm war davon überzeugt, dass ihr umfangreicher Briefwechsel eine breitere Öffentlichkeit interessieren könnte. Sie unternahm daher Bemühungen, diese in Buchform herauszubringen und auf diese Weise für die Nachwelt zu bewahren. Für die von ihr geplante Edition ließ sie zahlreiche Kopien anfertigen; zustande kam jedoch nur eine etwa dreißig Briefe umfassende Ausgabe. Die unter dem Titel »Correspondance générale« geplante Gesamtausgabe ihrer Briefe gibt es nicht.

Der aus dem Briefwechsel zwischen Paris und dem Rheinland entstandene Archivbestand gelangte 1960 ins Archiv der Société des Amis du Vieux Toulon et de sa Région im südfranzösischen Toulon. Diese Schenkung kam von der Baronin Montfort de Francq, einer Nachfahrin Constance de Salms, deren Tochter Clémence Agathe einen Baron de Francq geheiratet hatte.

Der reichhaltige Bestand umfasst etwa 7000 Briefe (Originale und Abschriften) von und an etwa 150 Briefpartner und bildet die Grundlage des Erschließungsprojektes des Deutschen Historischen Instituts Paris, das auf Initiative von Frau Prof. Gudrun Gersmann, von 2007 bis 2012 Direktorin des DHIP, initiiert wurde. Die Forschergruppe (Leitung: Florence de Peyronnet-Dryden, Mitarbeiterinnen: Dr. Eva Dade, Eva Knels und Hannah Schneider) hat es sich zur Aufgabe gemacht, die umfangreiche Korrespondenz der Constance de Salm wissenschaftlich zu erschließen, um diesen wichtigen Bestand der Forschung zugänglich zu machen. Daher wurde der Bestand aus Toulon im Jahr 2010 auf Initiative und mit Mitteln des DHIP fotografiert und liegt seither in digitalisierter Form vor. Jeder einzelne Brief wurde in einem an der Universität Trier entwickelten Forschungs- und Datenbanksystem FuD (http://fud.uni-trier.de/) erfasst, inhaltlich ausgewertet und mit den entsprechenden Bildern verknüpft. Die hier vorgestellte Datenbank enthält alle Dokumente (Briefe und andere Akten) aus Toulon, die Constance de Salm und ihr Werk betreffen; es wurden lediglich spätere, nicht direkt relevante Unterlagen (z. B. über die Nachfahren der Familie de Francq im 19. Jh.) außer Acht gelassen.



Erweiterung des Bestandes

Im Frühjahr 2013, nach Abschluss der Erschließungsarbeiten, wurde in einem französischen Antiquariat ein weiterer großer Bestand, mit zahlreichen Briefen und wichtigen (?) Familienunterlagen, entdeckt. Nach kurzen Nachforschungen stellte sich heraus, dass dieser Bestand ursprünglich ebenfalls aus Toulon stammte, von einem Forscher für seine Arbeiten entliehen und nie zurückgegeben wurde. Der Bestand konnte glücklicherweise von Nachfahren der Familie von Salm-Reifferscheidt-Dyck erworben werden und wird voraussichtlich Ende 2013 digitalisiert. Somit könnten diese Unterlagen nach dem Modell des hier vorgestellten Projekts erschlossen und für die Forschung bereitgestellt werden. Der Bestand (Werkmanuskripte, umfangreiche Korrespondenzen, Unterlagen) vervollständigt den Fonds Salm und ermöglicht so neue Blickwinkel auf die Schriftstellerin. Bisher sind z. B. die vorrevolutionäre Zeit und die Jahre vor ihrer Ehe mit Joseph zu Salm-Reifferscheidt-Dyck kaum repräsentiert. Zahlreiche Unterlagen betreffen ihre Privatverhältnisse (Scheidung und Wiederverheiratung, Familienprozesse, der gewaltsame Tod ihrer Tochter). Des Weiteren finden sich dort mehrere Bände mit Abschriften zeitgenössischer Rezensionen sowie verschiedenen Korrespondenzen, die die Autorin selbst in Vorbereitung auf die nie zustande gekommene Gesamtausgabe ihrer Briefe zusammengestellt hatte. Dieser Bestand wird im Herbst 2013 ebenfalls digitalisiert und wird so die Datenbank vervollständigen.



Im Herbst 2013

Florence de Peyronnet-Dryden, Dr. Eva Dade, Eva Knels, Hannah Schneider